Galsan Tschinag

„Und wer seinen sechsten Sinn
noch wach hat
steht dem Tag und den Nomaden bei“

Mit diesem leicht abgewandelten Ausspruch von Galsan Tschinag setzen wir den Schlussstein unter unser erstes Hilfspaket für die hungernden Viehherden der Tuwa-Nomaden und einiger Kasachenfamilien im Aimak Bayan Ölgij in der Altai-Region . Galtaikhuu hat eine bewundernswerte Arbeit geleistet, hat mit den schlitzohrigen Futtermittelhändlern erfolgreich verhandelt und Heuballen und Kraftfutter gerecht unter die notleidenden Nomaden verteilt. Heute, am 29. 2., fliegt er wieder zurück nach Ulaanbaatar.

Der Förderverein Mongolei e.V., Deutschland, und der Schwesterverein Open Hearts for Mongolia, Schweiz, freuen sich, dass wir durch viele Spenden unseren ersten Beitrag bei dieser Hungerkatastrophe leisten konnten, aber jetzt im Monat März werden die Jungtiere geboren, eine harte Zeit für die Tiermütter und die Kleinen bei immer noch – 40 Grad. Der Winter wird bis Ende April andauern, also mindestens noch zwei Monate …

Deshalb bitten wir weiterhin um Spenden für die „Nomadenhilfe“. Der milde Winter in diesem Jahr lässt vielleicht doch diesen oder jenen Euro mehr im Geldbeutel.

Im Namen von Galsan Tschinag und der Tuwa-Nomaden bedanken wir uns von Herzen bei allen Spenderinnen und Spendern!

Wilma Brüggemann
Vorsitzende

Nomadenhilfe - herzlichen Dank für die bisherige Unterstützung, weitere Unterstützung benötigt, hier ein aktueller Bericht mit Fotos

Am 22. Februar machte sich Galtaikhuu, der Sohn von Galsan Tschinag,  zusammen mit einem Kameramann auf und flog 2000 km nach Ölgij in den Westen der Mongolei zu den Tuva, um bitter benötigtes Futter für die Tiere der Nomaden zu kaufen. Die Möglichkeit dazu bieten die cleveren Kasachen, die Heu aus Russland kaufen und gegen Barzahlung an Käufer in Not abgeben.
Der Förderverein Mongolei e.V. und der Schwesterverein Open-Hearts-For-Mongolia aus der Schweiz haben einen 5-stelligen Geldbetrag aus Spenden an die GTS überwiesen, sodass Galtai eine gute Basis zum Verhandeln hatte.

„Drei große Lastwagen standen bereit,“ schreibt Galtai, „. Hoch bepackt mit Heu und Futter fuhren wir los. 150 Familien, darunter auch einige kasachische Familien, erhielten inzwischen vor Ort ihren Anteil und danken allen Organisationen ganz herzlich. Ein alter Mann sagte: Eine solche Hilfe in schwierigen Zeiten vergisst man nicht, danke!
Wir fahren jetzt weiter zu letzten westlichen Gemeinde in das Tal des weißen Flusses Ak Hem und verteilen weiter bei immer noch  – 40 Grad in der Nacht.“

 

Schlimmste Befürchtungen

Ab 9. Februar 2016 beginnt das Jahr des Affen nach dem Mondkalender.
Dies bedeutet einerseits der Beginn eines neuen Jahres, aber andererseits ein Zyklus der Kältekatastrophe in der Mongolei, die als Zud bekannt ist.
Schon 1944 im Jahr des Affen dauerte die Kältekatastrophe in der Mongolei 150 Tage und dabei starben 9,2 Millionen Tiere.  Im nächsten Jahr des Affen 1956 starben in der Mongolei wegen „Zud“ 2,2 Millionen Tiere. Darauf folgendes Jahr des Affen 1968 bedeutete auch für 4,4 Millionen Tiere das Ende.  In den Jahren von 1970 bis 1990 konnten die Nomaden wegen einer guten Vegetation im Sommer genug Heu ernten und damit konnten die Katastrophen mit wenig Verlust überwunden werden.
In den letzten Jahren wurde der Zyklus der Naturkatastrophen immer häufiger.
Im Winter des Jahres 2000 hielt  „Zud“ 157 Sums (Verwaltungseinheit) im Griff und es starben 2,4 Millionen Tiere. Im darauffolgenden Jahr erreichte Zud 192 Sums und es starben 3,5 Millionen Tiere. Somit standen über 5000 Familien am Ende ohne Tiere bzw. ohne ihre Existenz da.
Wir befürchten in diesem Winter von einem „Eisernen Zud“. Dies bedeutet, dass eine geschlossene Eisdecke alle Nahrung unter sich versiegelt und die Tiere nichts zum Fressen finden können.  Somit sterben vorerst die schwächsten Tiere und wenn die Kälte in den Spätwintermonaten weiter andauert, sterben alle Tiere, die keine Zusatznahrung bekommen können. Besonders im März kommen die Jungtiere auf die Welt und dies erschwert die Situation noch schlimmer.
Nach Meldungen der Altai-Nomaden hat eine geschlossene Eisdecke die Westmongolei versiegelt und die Nachttemperaturen erreichen immer weiter über minus 40 Grad. Viele Nomaden haben unzählige Tiere verloren und es kann noch zur flächendeckenden Katastrophe – Eiserner Zud -  führen. Darum brauchen sie Hilfe.

Galtaikhuu Galsan mit einem Situationsbericht aus der Mongolei 

 

Nomadenhilfe für Nomaden in Not

Vom 8. bis 10. Februar feiern alle Mongolen nach dem Mondkalender ihr Neujahrsfest, und es beginnt das Jahr des Affen. Mit diesem Tier verbinden sich äusserst harte Winter. Der schrecklichste war der Winter 1945/46, in dem die Hälfte aller Tiere verhungerte oder erfror. Eine Tragödie für die Nomaden.

Nun zeichnet sich wieder eine dramatische Situation für den Viehbestand ab, da es in der Nomadenwelt seit altersher keine Ställe für die Tiere gibt. Sie sind schutzlos den drohenden Naturgewalten ausgeliefert. Die aktuell starken Schneefälle und der fehlende Steppenwind, der sonst den Schnee wegbläst, verhindern, dass Schafe, Ziegen, Yaks, Pferde und Kamele an die tiefgefrorenen Gräser herankommen. Viele von ihnen werden den Winter nicht überleben.

Deshalb bitten wir um Spenden. Das eingehende Geld wird umgehend an Galsan Tschinag überwiesen, der -  zusammen mit seinem Sohn Galtaikhuu - für den Einkauf und die Verteilung von Futter an die Nomadenfamilien zuständig ist.

Unser Vereinskonto freut sich über jede Spende unter dem Stichwort Nomadenhilfe

Förderverein Mongolei e.V.
Volksbank Kirchheim-Nürtingen
IBAN DE72 6129 0120 0394 3660 00
BIC GENODES 1NUE

Ich bedanke mich bei allen Spendern, die mithelfen, die Not zu lindern

 

„Der weiße Kegel
Des Weltenberges
Schwebt über der Zeit
Seine Mähne weht herüber
Umflattert mich
Ich stehe hier unten
In Zeitnot
Die Gänsehaut ist
Mein Panzer
Vor dem nahenden Lebenswinter”

Das ist die poetische Sprache des mongolischen Dichters, Schriftstellers und Schamanen Galsan Tschinag, richtiger: Irgit Schynykbajoglu Dshurukuwaa.

Eine tief verwurzelte Liebe zu seiner Heimat, dem Hohen Altai im Westen der Mongolei, zeichnet seine Erzählungen, Romane und Gedichte aus. Er gehört dem in der Mongolei zahlenmäßig kleinen turksprachigen Volk der Tuwa an, deren Oberhaupt er ist. Um diese Menschen in ihrem Kampf unter härtesten Lebensbedingungen als Hirtennomaden, aber auch um ihr Leben im wärmenden Miteinander kreisen Tschinags Gedanken.

Seine eindringliche und ausdrucksstarke Wortwahl vermittelt dem Leser Einblicke in eine verloren gehende Kultur.Große Sprünge waren für Galsan Tschinag nötig, um aus der archaischen Welt der Nomaden, in die er im Winter 1943/44 hinein geboren wurde, seinen Weg zu finden. Eingebettet in die große Tradition der Tuwa, die eine Vielzahl von mündlich überlieferten Epen in ihrer Volksdichtung besitzen, wuchs der Schriftsteller in einer Jurte, dem wärmenden Filzzelt, im Wechsel von der Sommer- zur Winterweide auf. In direkter Nachbarschaft und unter der Obhut seiner berühmten Schamanentante Pürwü, die selbst die kommunistischen Schergen – wohl aus Angst – nicht anzurühren wagten, begann er mit 5 Jahren auch seine Lehrzeit als Schamane.

Der Hohe Altai mit seinen schneebedeckten Bergen, Heerscharen von Milanen, Möwen und Wildgänsen, Blumenteppichen aus Edelweiß, Iris und Butterblumen prägten ihn und beflügelten seine Fantasie.Schon während seiner Schulzeit, die er in einem Internat für Nomadenkinder und damit in dem ersten fest gebauten Haus verbrachte, entstanden Gedichte, die ihn in seiner Umgebung bekannt machten. Es lag nahe, ihn nach Beendigung seiner Schulzeit zum Literaturstudium an die Staatliche Universität der Hauptstadt Ulaanbaatar zu schicken. Sein großes Sprachtalent fiel den zuständigen Stellen auf. 1962 erhielt er ein Stipendium, um in der DDR die deutsche Sprache zu erlernen.

Nach einem Sprach- und Schriftkurs am Herder-Institut studierte Galsan Tschinag Germanistik in Leipzig. Zu Goethe, Schiller und Heine entstand eine tiefe Bindung. Er begann, in deutscher Sprache zu schreiben, erste Manuskripte entstanden. Die Bekanntschaft mit Erwin Strittmatter in dieser Zeit prägte Tschinags schöpferische Tätigkeit. Er verfasste seine Diplomarbeit über “Das Tragische im Werk Erwin Strittmatters”. 1968, nach Abschluss des Germanistik-Studiums, das er als Bester seines Jahrgangs absolvierte, zog es ihn zurück in die Mongolei. Der Diplom-Germanist wollte in seinem Land jungen Menschen die deutsche Sprache nahe bringen und begann eine Lehrtätigkeit für deutsche Sprache und Literatur an der Staatsuniversität in Ulaanbaatar. Kritik am kommunistischen System brachten ihn und seine Familie in große Schwierigkeiten. Er wurde von der Universität suspendiert, seine Manuskripte blieben liegen, mussten sogar versteckt werden.

Bis 1987 übernahm Galsan Tschinag verschiedene Arbeiten für die Gewerkschaftszeitung “Hödölmör” (Die Arbeit). Darüber hinaus übersetzte er aus dem Deutschen u.a. Gedichte von Kurt Tucholsky, Heinrich Manns “Der Untertan”, Erwin Strittmatters “Pony Pedro”, Stefan Hermlins “Abendlicht” und “Till Eulenspiegel”. Von 1987-1990 gab er die Zeitschrift “Setgüültsch” (Der Journalist) heraus, das erste Perestrojka-Organ des Landes. Seit der auch in der Mongolei vollzogenen politischen Wende im Jahr 1990 lebt der Autor als freier Schriftsteller in der Umgebung von Ulaanbaatar.

1992 erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis, der von der Bayrischen Akademie der Schönen Künste in München und der Robert Bosch Stiftung Stuttgart an ausländische Autoren vergeben wird, die in deutscher Sprache schreiben.

1995 folgte der Puchheimer Leserpreis, 2001 der Heimito-von-Doderer-Literaturpreis, 2008 der Literaturpreis der Kulturstiftung der deutschen Wirtschaft im BDI und 2009 der Europäische TREBBIA-Preis für sein Lebenswerk.

Bereits im Dezember 2002 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz für seine intensiven Bemühungen um eine Verständigung zwischen den Kulturen verliehen.

Im Sommer 1995 konnte sich der Schriftsteller einen lang gehegten Traum erfüllen: eine Karawane von 139 Kamelen, 330 Pferden, 30 Hunden, 16 Hühnern, einer Katze, 140 Tuwa und “6 Deutschen” (Kamera-Team) durchquerte in 62 Tagen auf einer Länge von 2000 km die Mongolei in Ost-West Richtung. Galsan Tschinag organisierte und finanzierte den Treck mit dem Erlös seiner Bücher und Lesereisen, die ihn jedes Jahr nach Europa führen. Auf diese Weise gelangte ein Teil seines verstreut lebenden und vom Aussterben bedrohten Volkes in die angestammten Weidegebiete im Hohen Altai zurück. Die Menschen waren unter dem kommunistischen Regime vor vielen Jahren in weit entfernte Gegenden abgeschoben bzw. abgeworben worden.

Er ist nicht nur Schriftsteller und Dichter, er ist auch Schamane. Seine aktive Teilnahme an internationalen Kongressen über Schamanismus, Heilen und Hypnose sowie an Heiler-Seminaren zeigt das Verwurzeltsein in seine schamanisch geprägte Urkultur. Er ist Herz und Rückgrat seines Volkes und Wanderer zwischen Ost und West, der Nomaden- und der Fortschrittswelt. Er ist aber auch Botschafter einer anderen Kultur, Heil- und Denkweise. Die Tuwa-Nomaden pflegen achtsamen Umgang mit der Erde und ihren Geschöpfen. Die tiefe Verehrung der Natur wird zur Dankbarkeit und zur spirituellen Haltung.

Daraus erwuchs Galsan Tschinag eine Vision. Er will der Mongolei 1 Million Bäume schenken und ist auf einem guten Weg, dieses Ziel mit seiner Arbeit, mit Spenden und mit vielen begeisterten Unterstützern zu verwirklichen!

Inzwischen ist der Autor ein Weltbürger geworden. Die Teilnahme am Poesiefestival in Kolumbien, eine Lesereise durch Kanada und die Vereinigten Staaten sowie in Australien haben ihn auch auf anderen Kontinenten bekannt gemacht.